Empathie verstehen - wie wir in Verbindung bleiben
- Barbara Bretschneider

- vor 24 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 10 Stunden
mein Vorwort…
Vielleicht erinnern Sie sich an einen Moment, in dem Sie sich jemandem anvertraut haben. Sie wollten keinen Rat, auch keine Lösung oder kein „Das wird schon wieder“. Einfach nur jemanden, der Ihnen wirklich zuhört. Und vielleicht war dann dieses Gefühl von Verstandenwerden das, was Ihnen in diesem Moment am meisten geholfen hat und das Ihnen wohltat.
Ich glaube ich bin ein sehr empathischer Mensch. Mich haben jedenfalls schon in jungen Jahren - eigentlich schon als Schülerin - die Lebensgeschichten von Familienmitgliedern und Freunden interessiert. Ich fand das spannend und habe am liebsten stundenlang zugehört (von mir selbst zu sprechen fand ich nicht so wichtig, denn meine Stories kannte ich ja schon). Ich lauschte mit ausgefahrenen Antennen, und mir wurden viele berührende Erlebnisse anvertraut. Das fand ich beeindruckend, denn dabei merkte ich, dass vielen Menschen das Gespräch mit mir offenbar guttat - sie suchten es geradezu. Als würde ich die vertraulichen Geschichten anziehen! Ich hörte dann häufig, dass ich eine gute Zuhörerin sei, so einfühlsam...
Vielleicht ist es ja meine Berufung. Und deshalb begleite ich jetzt als Systemische Beraterin Menschen auf ihren Lebenswegen, an ihren Wendepunkten...
Empathie verstehen – wie wir miteinander in Verbindung bleiben
Empathie ist ein Begriff, der heute häufig verwendet wird – manchmal fast inflationär. Gleichzeitig bleibt oft unklar, was genau damit gemeint ist. In meiner Arbeit als Systemische Beraterin erlebe ich immer wieder, dass Menschen Empathie mit Mitleid verwechseln oder glauben, empathisch zu sein bedeute vor allem, sich viele Sorgen um andere zu machen.
Doch nach meinem Verständnis geht Empathie tiefer. Sie beschreibt die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Nicht, um sofort etwas zu verändern oder zu lösen, sondern zunächst, um wirklich zu verstehen.
Was ist Empathie wirklich?
Empathie bedeutet nicht, dass wir exakt dasselbe fühlen müssen wie unser Gegenüber. Es geht vielmehr darum, die innere Wirklichkeit eines anderen Menschen wahrzunehmen und nachzuvollziehen, wie seine Situation erlebt wird.

Dabei werden meist zwei Formen unterschieden:
Emotionale Empathie: Die Fähigkeit, Gefühle anderer wahrzunehmen und mitzuspüren.
Kognitive Empathie: Die Fähigkeit, Gedanken, Perspektiven und Beweggründe eines anderen Menschen zu verstehen.
Erst das Zusammenspiel beider Ebenen ermöglicht die Begegnung, die von Verständnis und Verbundenheit und gegenseitigem Respekt geprägt ist.
Ist Empathie dasselbe wie Mitleid?
Im Alltag werden diese Begriffe oft gleichgesetzt. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied.
Mitleid richtet den Blick vor allem auf das Leid eines Menschen. Nicht selten entsteht dabei – meist unbewusst – eine gewisse Distanz. Die andere Person wird als hilfsbedürftig wahrgenommen.
Empathie begegnet dem anderen dagegen auf Augenhöhe. Also nicht: „Ich weiß, was für Dich richtig wäre.", sondern vielmehr: „Ich möchte verstehen, wie es für Dich ist.“
Gerade in schwierigen Lebensphasen kann das einen großen Unterschied machen. Denn viele Menschen wünschen sich zunächst gar keine Lösung. Sie möchten einfach verstanden werden.
Sich Sorgen machen und empathisch sein – ist das dasselbe?
Auch das sich-Sorgen-machen wird häufig mit Empathie verwechselt. Wenn wir uns Sorgen um einen Menschen machen, stehen jedoch sehr oft unsere eigenen Ängste oder Befürchtungen im Vordergrund.
Da kommen dann Gedanken wie:
• „Ich habe Angst, dass es ihr schlechter geht.“
• „Ich wünsche mir, dass er anders entscheidet.“
• „Ich halte diese Situation kaum aus.“
Das ist zwar menschlich und meist liebevoll gemeint. Gleichzeitig ist aber ein Satz wie „Ich mache mir Sorgen um Dich“ eher wenig hilfreich für die betroffene Person.
Empathie richtet den Blick auf die Erfahrung des anderen Menschen
• Wie erlebt diese Person ihre Situation?
• Was beschäftigt sie gerade wirklich?
• Welche Bedürfnisse, Hoffnungen oder Ängste könnten dahinterstehen?
Erst wenn wir diese Fragen ganz wertfrei betrachten, kann ein echtes Verstehen oder auch Mitspüren entstehen.
Warum Empathie in Beziehungen so bedeutsam ist
Wir leben in Beziehungen – in Familien, Partnerschaften, Freundschaften oder beruflichen Zusammenhängen. Dort beeinflussen wir uns gegenseitig. Gefühle, Erwartungen und Verhaltensweisen wirken oft wie die einzelnen Teile eines Mobiles: Wird eine Figur bewegt, gerät das ganze System in Bewegung.
Empathie hilft uns, diese Zusammenhänge bewusster wahrzunehmen und einander mit mehr Verständnis zu begegnen.
Die Bedeutung von Empathie zeigt sich besonders dort, wo Menschen dauerhaft miteinander verbunden sind. Die folgenden Beispiele verdeutlichen dies:
Wie prägen frühe Erfahrungen unsere Empathiefähigkeit?
Unsere ersten Erfahrungen mit Empathie machen wir meist in der Familie. Dort erleben wir, ob unsere Gefühle wahrgenommen werden, ob jemand versucht zu verstehen, was uns bewegt, und ob wir mit unseren Bedürfnissen willkommen sind. Wenn Kinder erfahren, dass ihre Ängste, ihre Freude oder ihre Unsicherheit ernst genommen werden, entsteht oft ein Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit. Sie können erleben: Jemand interessiert sich dafür, wie es mir geht.
Solche Erfahrungen prägen nicht nur das Vertrauen in andere Menschen. Sie können auch die Fähigkeit fördern, später selbst empathisch auf andere zuzugehen.
Wie bleiben wir in Partnerschaften trotz Unterschiedlichkeit verbunden?
Partnerschaften (und auch Freundschaften!) leben nicht davon, immer derselben Meinung zu sein. Vielmehr geht es darum, auch dort miteinander in Verbindung zu bleiben, wo unterschiedliche Bedürfnisse, Sichtweisen oder Erwartungen aufeinandertreffen.
Empathie ermöglicht es, die Perspektive des anderen besser nachzuvollziehen, ohne die eigene aufgeben zu müssen. So kann selbst in Konflikten das Gefühl erhalten bleiben, einander zugewandt zu sein.
Wie gelingt gute Zusammenarbeit im beruflichen Kontext?
Auch im Arbeitsleben spielt Empathie eine wichtige Rolle. Gerade in Zeiten von Veränderung, Unsicherheit oder Konflikten hilft sie dabei, unterschiedliche Sichtweisen besser einzuordnen und Missverständnisse zu vermeiden.
Empathische Kommunikation kann Orientierung schaffen, Vertrauen stärken und die Zusammenarbeit erleichtern – besonders dann, wenn Menschen gemeinsam neue Wege finden müssen.
Empathie lernen: geht das überhaupt?
Ich bin davon überzeugt, dass Empathie keine feste Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern eine Fähigkeit, die sich ein Leben lang weiterentwickeln kann.

Unsere Beziehungserfahrungen – beginnend mit der Kindheit – prägen, wie leicht uns empathisches Verstehen fällt. Gleichzeitig können wir diese Fähigkeit bewusst stärken: indem wir aufmerksam zuhören, die Perspektiven anderer Menschen ernst nehmen und auch unsere eigenen Gefühle immer besser kennenlernen.
Besonders lernen wir Empathie durch Menschen, die uns selbst empathisch begegnen. Wer erlebt hat, wie wohltuend es ist, gesehen und verstanden zu werden, entwickelt häufig auch die Fähigkeit, anderen mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen.
Die Grenzen von Empathie
Empathie bedeutet nicht, alles mittragen zu müssen. Und sie bedeutet auch nicht, die Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen zu übernehmen.
Manche Menschen nehmen die Gefühle ihres Umfeldes sehr intensiv wahr. Das kann eine große Stärke sein.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, die eigenen Bedürfnisse völlig aus dem Blick zu verlieren. Genau diese Erfahrung habe ich selbst immer mal wieder (schmerzvoll) gemacht. Deshalb weiß ich, dass ein hoher Grad an Empathie einen gesunden Selbstschutz braucht:
· Ich kann empathisch sein und dennoch Nein sagen.
· Ich kann Verständnis haben und trotzdem anderer Meinung bleiben.
· Ich kann mitfühlen, ohne mich selbst zu verlieren.
Empathie als Weg zu mehr Verbundenheit
Empathie löst nicht jedes Problem. Doch sie schafft eben oft die Grundlage dafür, dass Menschen sich verstanden fühlen. Ich bin davon überzeugt, dass echtes Verstehen etwas in Bewegung bringen kann – in Beziehungen, in Familien und auch in uns selbst.
Gerade in Zeiten von Unsicherheit oder Neuorientierung kann Empathie dabei helfen, wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Sie kann Orientierung geben, Vertrauen stärken und dazu beitragen, den eigenen Weg bewusster weiterzugehen.
Wann haben Sie sich zuletzt wirklich verstanden gefühlt – und was hat diese Begegnung in Ihnen bewegt?
Vielleicht ist Empathie letztlich eine der wichtigsten Brücken, die Menschen miteinander verbinden können.
WENDEPUNKTE.

